BFSG / Barrierefreiheit

BFSG nach dem Stichtag: Was eigentlich passiert ist — und was du jetzt realistisch tun musst

Stand: 25. August 20254 Min Lesezeit

Was drin steht

  • Der 28.06.2025 ist durch. Die befürchtete „Abmahn-Lawine“ ist ausgeblieben, einzelne Wettbewerbs- und Verbandsklagen laufen aber sehr wohl — vor allem dort, wo Wettbewerber gezielt prüfen.
  • Die Marktüberwachung der Länder hat angefangen zu kontrollieren — nicht flächendeckend, aber strichprobenartig und nach Beschwerde. Wer keine Erklärung zur Barrierefreiheit hat, fällt zuerst auf.
  • Die ehrlichste Reihenfolge jetzt: Befund einholen, Erklärung zur Barrierefreiheit veröffentlichen (auch wenn Lücken offen sind), die fünf größten Lücken in 1–3 Werktagen schließen, Redaktions-Routine etablieren.
  • Wer in Panik einen Komplett-Relaunch beauftragt, zahlt das Doppelte und verliert SEO + Inhalte. Sanierung schlägt Neubau in fast allen Mittelstands-Fällen.
  • Was du heute auf keinen Fall mehr machen darfst: ein „Barrierefreiheits-Overlay“ einbauen und denken, das sei erledigt. Diese Werkzeuge sind in mehreren Ländern bereits Gegenstand erfolgreicher Klagen.

Acht Wochen sind seit dem Stichtag vergangen. Die Lage ist ruhiger, als viele befürchtet haben — und nervöser, als manche tun. Hier kommt der ehrliche Stand aus unserer Praxis: Was wir bei Mandanten und in Audits in den ersten zwei Monaten nach dem 28.06.2025 tatsächlich gesehen haben, und welche Reihenfolge jetzt realistisch ist.

Was tatsächlich passiert ist — und was nicht

Die große „Abmahn-Welle“, vor der Verbände, Webagenturen und Foren wochenlang gewarnt haben, ist nicht über Deutschland gerollt. Was wir sehen, ist eine Mischung aus drei Mustern:

  • Wettbewerber-Klagen: Einzelne, gezielte Vorgänge — meist dort, wo ein Unternehmen einen direkten Konkurrenten findet, dessen Seite klar nicht konform ist. Das passiert vor allem in regulierten Branchen (Gesundheit, Finanzen) und im Versandhandel.
  • Verbandsklagen: Verbraucherschutz-Verbände und Behindertenrechts-Vereine prüfen stichprobenartig — meist Großunternehmen zuerst, mittelständische Betriebe vereinzelt.
  • Marktüberwachung der Länder: Die zuständigen Stellen haben begonnen, einzelne Sites zu kontrollieren — entweder anlassbezogen (Beschwerde eines Nutzers) oder stichprobenartig. Erste Aufforderungs-Schreiben mit Frist sind verschickt worden.

Was es nicht gibt: pauschale Massen-Abmahnungen durch Anwalts-Kanzleien. Der BFSG-Bußgeld-Rahmen ist anders konstruiert als das alte UWG-Spielfeld — direkte Verbraucher-Klagen sind nicht der Hauptweg, sondern Aufsichtsverfahren über die Marktüberwachung.

Wer zuerst auffällt

Drei Muster bringen dich besonders schnell auf den Radar:

1. Keine Erklärung zur Barrierefreiheit

Das ist der Pflicht-Punkt, der am leichtesten von außen prüfbar ist. Wer keine Erklärung hat, signalisiert: „Ich habe mich mit dem Thema nicht beschäftigt.“ Das ist die rote Flagge für jede Stichprobe.

2. Sichtbare Hauptlücken auf der Startseite

Wenn die Hero-Section deiner Startseite hellgraue Schrift auf weißem Hintergrund hat, Tab-Navigation nicht funktioniert oder die Hauptnavigation kein Aria-Label trägt — das fällt jeder automatischen Prüfung in 30 Sekunden auf.

3. PDF-Anhänge ohne Tags

Datenschutzerklärungen, Anfahrtspläne, Speisekarten als PDF — wenn die nicht „tagged“ sind, sind sie für Screenreader unzugänglich. Behörden-Beauftragte für Barrierefreiheit schauen genau hier hin, weil PDFs der häufigste Streitpunkt sind.

Die ehrliche Reihenfolge nach dem Stichtag

Wer jetzt anfängt — und das sind realistisch immer noch viele — geht in dieser Reihenfolge vor:

Schritt 1 — Erklärung zur Barrierefreiheit veröffentlichen (heute)

Auch wenn deine Seite Lücken hat: Veröffentliche die Pflicht-Seite mit ehrlicher Selbstauskunft, was konform ist und was nicht. Eine Erklärung mit der Aussage „wir arbeiten aktuell an folgenden Punkten“ ist deutlich besser als gar keine. Das ist der einfachste Akt, um aus dem Stichproben-Risiko-Radar zu fallen.

Schritt 2 — Befund einholen (diese Woche)

Frag Hannes — er schaut über deine Hauptseiten und nennt dir die größten Lücken mit konkreten Reparatur-Hinweisen.

Schritt 3 — Top 5 Lücken in 1–3 Werktagen schließen (nächste Woche)

In fast allen Mittelstands-Fällen sind die fünf häufigsten Lücken in einer Arbeits-Woche zu schließen: Kontrast nachziehen, Fokus-Rahmen wieder sichtbar machen, Alt-Texte für die letzten 12 Monate nachpflegen, Formular-Labels umbauen, Skip-Link einbauen.

Schritt 4 — Redaktions-Routine etablieren (sofort danach)

Damit das Problem nicht in sechs Monaten wieder da ist: drei Felder im CMS-Backend für jedes neue Bild und jeden neuen PDF-Anhang. Das wird Teil deines Redaktions-Alltags, nicht Zusatzarbeit pro Beitrag.

Schritt 5 — Erklärung aktualisieren

Sobald die Hauptlücken geschlossen sind, ziehst du die Erklärung zur Barrierefreiheit nach. Damit dokumentierst du den Fortschritt — das schützt zusätzlich, falls die Aufsicht später trotzdem nachfragt.

Drei Wege, die wir nicht empfehlen

Komplett-Relaunch in Panik

Wer jetzt aus Sorge einen Neubau beauftragt, zahlt das Doppelte gegenüber der Sanierung und verliert dabei oft SEO-Substanz, Inhalte und Suchergebnis-Rankings, die über Jahre aufgebaut wurden. Neubau ist nur dann der ehrlichere Weg, wenn die bestehende Technik so alt ist, dass sie nicht mehr wartbar ist — etwa, weil das CMS seit fünf Jahren keine Updates mehr bekommt.

Barrierefreiheits-Overlay einbauen

Diese Werkzeuge legen ein JavaScript-Widget über deine Seite, das Nutzern Knöpfe für „Kontrast erhöhen“, „Schrift vergrößern“, „Vorleser starten“ anbietet. Das klingt elegant, ist aber strukturell wirkungslos — der zugrunde liegende Code bleibt unverändert, Screenreader-Nutzer können trotzdem nicht navigieren. In mehreren Ländern sind diese Overlays bereits Gegenstand erfolgreicher Klagen. Die deutsche Aufsicht hat sich noch nicht öffentlich positioniert, aber das BFSG verlangt strukturelle Konformität — kein Cookie-Banner-Aufsatz.

„Wir warten, bis jemand sich beschwert“

Wer abwartet, arbeitet jeden Tag mit einem Bußgeld-Risiko bis 100.000 Euro pro Verstoß. Anzeigen kommen unkontrolliert von außen — Wettbewerber, Verbände, einzelne Aktivisten, Behörden. Du kannst den Zeitpunkt nicht steuern. Wer einen Befund in der Schublade hat und einen Plan, der greift sobald nötig, ist deutlich besser dran als wer den Kopf in den Sand steckt.

Was die Aufsicht in der Praxis prüft

Aus den ersten Aufforderungs-Schreiben, die wir bei Mandanten gesehen haben, ergibt sich ein Muster:

  • Erste Frist meist 4 Wochen für die Stellungnahme (nicht für die Behebung),
  • Konkrete Lücken werden benannt — meist 3–7 Punkte, die ein automatischer Scan zuvor gefunden hat,
  • Wer eine plausible Sanierungs-Roadmap mit Zeitrahmen vorlegt, bekommt in der Regel eine Behebungs-Frist von 6–12 Wochen,
  • Bußgelder werden erst dann angesetzt, wenn die zweite Frist verstreicht ohne sichtbaren Fortschritt.

Mit anderen Worten: Die Aufsicht ist auf Dialog ausgelegt, nicht auf Strafe als Erstreaktion. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Wer den Brief ignoriert oder leer antwortet, kommt in die zweite Stufe — und die ist teuer.

Was Hannes daraus macht

Wir sanieren bestehende Sites mit Festpreis nach Befund — die meisten Fälle sind in 1–3 Werktagen erledigt, ohne Neubau. Bei jedem neuen Website-Projekt liefern wir BFSG-Konformität als Standard mit, nicht als Aufpreis. Wenn ein Aufforderungs-Schreiben der Marktüberwachung schon im Briefkasten liegt, helfen wir bei der Stellungnahme + Sanierungs-Roadmap — das macht in der Regel den Unterschied zwischen einer 6-Wochen-Behebungs-Frist und einem direkten Bußgeld-Verfahren.

Wenn du wissen willst, wo deine Seite jetzt steht: frag Hannes — er gibt dir den ehrlichen Befund und sagt, ob Sanierung oder Neubau für dich der bessere Weg ist.

Häufige Fragen

Ist es jetzt schon zu spät, mit der Sanierung anzufangen?
Nein. Die Aufsicht setzt auf Dialog vor Strafe — wer eine plausible Sanierungs-Roadmap vorlegt, bekommt in der Regel eine Behebungs-Frist von 6–12 Wochen ohne Bußgeld. Wichtig ist nur, dass du anfängst, bevor jemand sich beschwert oder die Stichprobe kommt. Aktive Sanierung schlägt passives Abwarten in jedem Szenario.
Was kostet eine Sanierung im typischen Mittelstands-Fall?
Festpreis nach Befund. Für die fünf häufigsten Lücken bewegt sich das je nach Seitenumfang zwischen einem niedrigen vier- und einem mittleren vierstelligen Bereich. Konkrete Zahl bekommst du nach Hannes' Einschätzung — wir nennen vorher, was reinkommt, du entscheidest, ob du das machen lässt.
Wie erkenne ich, ob meine Erklärung zur Barrierefreiheit reicht?
Pflichtinhalte sind: Stand der Konformität (was geht, was nicht), Begründung für Lücken (z. B. „in Arbeit“ oder „unverhältnismäßiger Aufwand“), Kontakt für Rückmeldungen, Verfahren bei nicht-Behebung (Beschwerde-Möglichkeit bei der Marktüberwachung). Wenn diese vier Blöcke drin sind, bist du auf der sicheren Seite. Wir liefern den Vorlage-Text mit, du musst nur den Selbstauskunfts-Teil ausfüllen.
Kann ich einfach eine Agentur beauftragen und mich raushalten?
Teilweise. Die technische Sanierung können wir komplett übernehmen. Was bei dir bleibt: Alt-Texte für deine Bilder (du weißt am besten, was drauf ist), der Selbstauskunfts-Teil der Erklärung, die Redaktions-Routine für neue Inhalte. Realistisch sind das 2–4 Stunden Mitarbeit pro Sanierungs-Projekt.
Was passiert, wenn ich einen Aufforderungs-Brief von der Marktüberwachung bekomme?
Erstens: nicht panisch antworten. Zweitens: innerhalb der gesetzten Frist (meist 4 Wochen) eine Stellungnahme mit konkreter Sanierungs-Roadmap einreichen — das verhindert die Eskalation zur Bußgeld-Stufe. Drittens: parallel mit der Sanierung beginnen, damit du beim Folgekontakt Fortschritt zeigen kannst. Wir unterstützen bei Stellungnahme + Sanierung als ein Paket, wenn du in dieser Lage bist.
Hilft mir ein „Barrierefreiheits-Audit-Siegel“ oder Zertifikat?
Nur, wenn es von einer anerkannten Prüfstelle stammt (DIAS, Sozialhelden, Pfennigparade) und die Prüfung dokumentiert ist. Ein „Siegel“, das du nach automatisiertem Online-Scan für 49 Euro im Monat bekommst, hat vor der Aufsicht keinen Wert. Wir empfehlen: lieber selbst sanieren und ehrliche Erklärung schreiben als ein gekauftes Siegel mit Lücken darunter.

Das regeln wir — so sieht das bei uns aus.

Unsicher, wo deine Seite steht? Frag Hannes — er schaut sie sich an und sagt dir ehrlich, was zu holen ist.